Pilotprojekt Videodolmetschen

Wie viel Deutsch braucht man in Österreich, um gesund zu sein?

Aufgrund unterschiedlicher Barrieren haben nicht alle in Österreich lebenden Personen die gleichen Chancen, gesund zu werden oder es zu bleiben. Vor allem für nicht-deutschsprachige Personen, beispielsweise MigrantInnen oder Menschen mit Hör- bzw. Sprachbeeinträchtigung, erweisen sich die Möglichkeiten hierfür angesichts einer fehlenden Verständigung als schwierig: Sie können ihr Anliegen ihren GesprächspartnerInnen – etwa ÄrztInnen, Pflegepersonen oder Verwaltungspersonal – mitunter nur eingeschränkt vermitteln. Zudem sind wichtige Details zu Diagnose oder Therapie für die Betroffenen häufig schwer verständlich. Dies führt dazu, dass einerseits Leidenswege von kranken Personen unnötig verlängert werden und andererseits hohe Kosten für das Gesundheitssystem entstehen.

Auch für den Arzt bzw. die Ärztin birgt eine fehlende Verständigung Gefahren: Es ist ein Patientenrecht, im persönlichen Arzt-Patienten-Gespräch verständliche Information über die Diagnose und Behandlung zu erhalten. Bei der Verletzung dieser ärztlichen Aufklärungspflicht und somit des Behandlungsvertrages können Haftungsfolgen drohen.

Um die Sicherheit der PatientInnen und der MitarbeiterInnen dahingehend zu verbessern, wurde basierend auf der im Mai 2011 von der Plattform Patientensicherheit in Kooperation mit dem Ministerium für Gesundheit gegründeten Arbeitsgruppe „Umgang mit nicht-deutschsprachigen PatientInnen“ sowie der wissenschaftlichen Tagung im November 2011 zum Thema „Wie viel Deutsch braucht man, um gesund zu sein? Migration, Gesundheit und Übersetzung“ im Juli 2013 von der Österreichischen Plattform Patientensicherheit, dem Institut für Ethik und Recht in der Medizin, dem Bundesministerium für Gesundheit, dem Zentrum für Translationswissenschaft und dem ServiceCenter ÖGS.barrierefrei das erste österreichische Projekt zum Thema "Videodolmetschen im Gesundheitswesen" ins Leben gerufen.

Im Rahmen dieses 1,5-jährigen Projektes wurde eine zentrale Stelle für Österreich geschaffen, in der in einer 6-monatigen Testphase (Oktober 2013 – März 2014) für jeweils drei Sprachen (Österreichische Gebärdensprache, Türkisch, BKS - Bosnisch, Serbisch, Kroatisch) speziell für den Gesundheitsbereich geschulte, professionelle DolmetscherInnen über Computer erreichbar waren, die im Bedarfsfall sofort für eine Videodolmetschung zur Verfügung standen. Insgesamt nahmen österreichweit zwölf intramurale Endpunkte teil, für die die Möglichkeit bestand, den Dolmetschservice in Anspruch zu nehmen.

Ziel des Projektes war es, dem Gesundheitspersonal ein Tool zur Verfügung zu stellen, das die professionelle Behandlung von PatientInnen mit wenigen bis keinen Deutschkenntnissen oder eingeschränkter verbaler Kommunikationsfähigkeit im Notfall ermöglicht beziehungsweise vereinfacht. Zudem wurde im Projekt neben der Verbesserung der Arbeitssituation der MitarbeiterInnen vor allem auf deren Schutz sowie den der PatientInnen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit ein Schwerpunkt gelegt. Dadurch sollte mehr Sicherheit – insbesondere auch rechtlicher Natur – im Umgang mit den meist schwierigen und heiklen Situationen, in denen keine ausreichende Kommunikation möglich ist, geschaffen werden. Als weitere positive Konsequenz sollten dadurch Personen, die bisher für Dolmetschtätigkeiten herangezogen wurden – medizinisches und organisatorisches Personal, Freunde und Familienangehörige der PatientInnen, andere PatientInnen – entlastet und geschützt werden.

Um zu untersuchen, inwieweit die Etablierung von Videodolmetschen diese Ansprüche erfüllen konnte, wurde das Pilotprojekt von einer wissenschaftlichen Studie begleitet. Dabei wurde unter anderem erhoben,

  • welche bisherigen Lösungsstrategien das Gesundheitspersonal zur Überwindung von Sprachbarrieren verstärkt anwendete und wie diese bewertet wurden
  • wie die bisherige Situation von nicht-deutschsprachigen PatientInnen empfunden wurde
  • ob und wie sich das Videodolmetsch-Tool in medizinische und organisatorische Abläufe integrieren ließ
  • sowie die von NutzerInnen empfunden Vor- und Nachteile des Videodolmetsch-Tools.

Um den Videodolmetscher auch in einem anderen Setting zu testen, wurde es in dem FGÖ-geförderten Teilprojekt „Gesundheitsförderung von nicht-deutschsprachigen Personen durch den Einsatz von Videodolmetschen“ in zwei Testzeiträumen (Februar-März 2014; November 2014-Jänner 2015) auch in niedergelassenen Arztpraxen eingesetzt. Das Ziel war hierbei, den ÄrztInnen und MitarbeiterInnen durch das Verringern der Kommunikationsbarriere langfristig zu mehr Handlungskompetenz und Bewusstsein für die erweiterten Handlungsspielräume zu verhelfen, unter anderem hinsichtlich Prävention (beispielsweise Impfaufklärung). Zudem sollte dadurch eine aktive Anbindung und Vernetzung der nicht-deutschsprachigen Personen an vorhandene Unterstützungsnetzwerke und Institutionen gefördert werden. Auch dieses Teilprojekt wurde wissenschaftlich begleitet.

Berichte:

  • Endbericht „Qualitätssicherung in der Versorgung nicht-deutschsprachiger PatientInnen – Videodolmetschen im Gesundheitswesen“. Ein Pilotprojekt der Österreichischen Plattform Patientensicherheit und des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien (2015)
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  • Endbericht des vom FGÖ geförderten Projekts: „Gesundheitsförderung via Videodolmetschen“ (2015) bei niedergelassenen ÄrztInnen
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  • Tagungsdokumentation zur Abschlusstagung des Pilotprojektes „Videodolmetschen im Gesundheitswesen“. Chancengleichheit – Migration – Gesundheit. 9. Dezember 2014
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Publikationen:

Kaelin, L./Kletečka-Pulker, M./Körtner, U. (Hrsg.) (2013): Wie viel Deutsch braucht man, um gesund zu sein? Migration, Übersetzung und Gesundheit. Schriftenreihe Ethik und Recht in der Medizin, Band 10. Verlag Österreich, Wien.

Kletečka-Pulker, M. (2013): Patientenrecht auf muttersprachliche Aufklärung? Videodolmetschen – neue Wege der Kommunikation mit MigrantInnen im Gesundheitsbereich. In: Kaelin, L./Kletečka-Pulker, M./Körtner, U. (Hg.) (2013): Wie viel Deutsch braucht man, um gesund zu sein? Migration, Übersetzung und Gesundheit. Schriftenreihe Ethik und Recht in der Medizin, Band 10. Verlag Österreich, Wien. 45-70.

Kletečka-Pulker, M./Parrag, S. (2015): Sprachbarrieren. In: Gausmann, P./Henninger, M./Koppenberg, J. (Hrsg.) (2015): Patientensicherheitsmanagement. De Gruyter, Berlin. 453-460.

Leitner, K. (2013): „Tschuschen-Ordi“ oder „Vorzeigepraxis“? Dolmetschen im niedergelassenen Bereich. In: Kaelin, L./Kletečka-Pulker, M./Körtner, U. (Hrsg.) (2013): Wie viel Deutsch braucht man, um gesund zu sein? Migration, Übersetzung und Gesundheit. Schriftenreihe Ethik und Recht in der Medizin, Band 10. Verlag Österreich, Wien. 135-154.

Leitner, K./Parrag, S. (2013): Sprachbarriere - Barriere zur Gesundheit? In: Österreichische Pflegezeitschrift. Vol. 66: 20-23.

Parrag, S. (in Druck): Impfaufklärung trotz Sprachbarriere? Videodolmetschen im Gesundheitswesen. In: Aigner, G./Grimm, M./Kletecka-Pulker, M./Wiedermann-Schmidt, U.: Schutzimpfungen – Rechtliche, ethische und medizinische Aspekte, Schriftenreihe Ethik und Recht in der Medizin, Band 11.

Wiedermann, U./Kletečka-Pulker, M./Rommel, A./Kollaritsch, H./Chichon, P./Vetter, N./Kautzky-Willer, A./Novak-Zezula, S./Trummer, U./Binder-Fritz, C./Akkaya-Kalayci, T./Hanschitz, A. J./Dachs, P./Zehetgruber, M./Habersack, H./Allesch, J./Leitner, K./Parrag, S.: Migration - epidemiologische, soziokulturelle und medizinische Aspekte. Überblick und Highlights des 2. Symposiums für Migrationsmedizin 2013. (Hrsg.): 2. Symposium für Migrationsmedizin. In: Wiener klinische Wochenschrift. 04/2014; Vol. 126(S1): 56-65.

Weiterführende Links:

Fotonachweis:
Foto Mutter/Kind: APA Fotoservice (Fotograf: Peter Hautzinger)
unter http://www.apa-fotoservice.at/galerie/4723/
Foto Dolmetscherin: Sabine Parrag

Projektkontakt:

Mag. Sabine Parrag
sabine.parrag@univie.ac.at